Kjarni Willison - Mein Hort

Meine Lebensgeschichte – bis jetzt
(noch lebe ich und es geht weiter)

Ich fange mit dem Vater meines Vaters an. Er war ein Wikinger. Ja, er kam aus dem hohen Norden. Er war beteiligt an Überfaellen auf das Reich der Franken lange vor der Zeit meines Vaters. Es muss wohl gewesen sein kurz nach dem Tod des groszen Karl. Aber auch er wurde aelter. Die Zeit der Ueberfaelle war fuer ihn vorbei. Er war zu alt. Wohl so an die dreizig der Sommer. Er lies sich nieder suedlich von Haitabu und wurde Haendler. Irgendwann kam er zu der Mitte des fluvius rhenus, so nannten die Roemer den groszen Fluss im oestlichen Frankenreich. Er lernte die Mutter meines Vaters kennen. Mein Vater wurde geboren.

Auch mein Vater wurde Haendler. Auf seinen Reisen lernte er meine Mutter kennen. Sie wurden ein Paar. Meine Eltern handelten mit Wein und Reliquien. Mit Wein meine ich richtigen Wein, den aus Trauben.
Nun, mein Vater brachte den Wein nach Haithabu. Reliquien wurden dort nicht gebraucht. Meine Mutter aber liesz er zurueck am groszen Fluss. Sie fuehrte sein Geschaeft dort. Sein Geschaeft nannte er vinus rhenus. Und es lief gut.

Ich wurde geboren. Es war die Zeit Koenigs Ludwig des Zweiten. Ich glaube Karl war auch schon auf der Welt. Der Karl den sie den Dicken nannten. Unser Koenig noch vor kurzer Zeit. Gut dasz er abgesetzt wurde. Er war unfaehig. Arnulf aber hielt sich auch nicht lange. Nur zwoelf der Jahre. Jetzt ist Ludwig dran. Ludwig der Vierte.
Aber zurueck zu mir. Ich wurde also geboren und blieb nur zwei der Jahre bei meiner Mutter. Dann nahm mich mein Vater mit nach Haithabu. Ich lernte lesen und schreiben und natuerlich rechnen, denn ich sollte ja das Geschaeft meines Vaters uebernehmen. Schreiben kann ich in der Art der Franken. Ein wenig so, wie die Urvaeter meines Vaters schrieben. Wenn sie denn schrieben. Denn schreiben koennen die wenigsten. Rechnen fiel mir schwer, aber ich beherrsche es ein wenig. Mehr als die anderen. Ich ziehe sie oft ueber den Tisch und mache mehr Gewinn als beabsichtigt.

Irgendwann schickte mich mein Vater alleine auf Geschaeftsreisen. Ich war auf dem Weg durch ein huegliges Gebirge nahe der Grenze zum westlichen Frankenreich. Ich war auf dem Weg nach Augusta Treverorum, wie es die Roemer nannten. Ich übernachtete in einem bedeutendem Kloster mit dem Namen Pruem. Die Moenche waren gastfreundlich, denn ich zahlte gut für die Unterkunft. Misstrauig waren sie dennoch, denn ich war gekleidet wie die Nordmaenner. Am naechsten Tag setzte ich meinen Weg fort und kam zwei Tage spaeter in der Stadt an. Vielleicht war es mal eine bedeutende Stadt. Es stehen viele halb verfallene Ruinen dort. Aber es stinkt. Die Leute hausen dort zwischen den Mauern wie die Tiere . Was hat sich mein Vater wohl gedacht mich dort hin zu schicken? Ich ging suedlich aus der Stadt den Huegel hinauf um dort zu uebernachten. Ich wollte am naechsten Tag wieder zurueck nach Hause um ein erstes Wort mit meinem Vater zu wechseln. Hier gab es nichts zu holen. Keinen Wein. Alte Faesser noch, ja – aber die brauchten wir nicht.

Ich ging also zu einer Herberge. Sie war gelegen in einer kleinen Senke. Daneben ein Tuempel. Und da sah ich sie zum erstem Mal. Eine Schoenheit mit lockigem dunklen Haar. Sie war die Tochter des Wirtes.

Wir gingen beide zurueck. Mann und Frau. Wir nahmen den Weg den ich schon zuvor genommen hatte. Wochen spaeter kam ich zurueck zu meines Vaters Haus. Aber es war leer. Mein Vater tod. Man erzaehlte mir, er sei ueberfallen worden. Es waren Betrunkene. Sie wollten unseren Wein und haben ihn umgebracht. Was mir blieb waren seine Waffen und sein Gold. Denn das fanden sie nicht.
Seit her fuehre ich das Schwert meines Vaters mit Stolz. Das Schwert, durch das sein Vater schon so viele Franken in den Tod schickte. Die Wikinger, die Moerder meines Vaters aber nicht. Ich fand sie nicht. Alle konnte ich nicht umbringen. Ich bringe keine Unschuldigen um.

Was sollte ich tun? Was sollten wir tun? Wir gingen zurueck an den groszen Fluss. Zurueck zu meiner Mutter, die ich nur viermal in meinem Leben gesehen habe. Es dauerte fuenf Wochen bis wir vicus cube erreicht hatten. Das Geschaeft meines Vaters lief gut. Die Familie meiner Mutter war reich geworden. Uns aber zog es wieder weg.

Nun leben wir zwischen der stinkenden Stadt Treves und den Eltern  meiner Frau in einem Langhaus auf dem Berg.

Uns geht es gut. Wir sind nicht reich, aber auch nicht arm. Ab und an verdinge ich mich als Haendler oder Handwerker. Mein Weib kennt alle Pflanzen mit den Namen, wie sie die Roemer schon genannt haben. Sie mischt Tees und verschiedene Zauber und verkauft sie auf dem Markt, der in der stinkenden Stadt an dem Tag, an dem die Christen kein Fleisch essen abgehalten wird.

Ich lebe zwischen den Welten. Halb Nordmann, halb Franke. Ich spreche das Fraenkisch meiner Mutter, verstehe das Fraenkisch meiner Frau und kann mich mit Nordmannen unterhalten, wenn auch stockend.
Ich bete zu Thor und Baldur. Der ist der Gott der Reinheit, Schoenheit und der Gerechtigkeit. Manchmal wage ich es mich direkt an Odin zu wenden. Aber nur selten. Ich glaube nicht, dasz Odin mich hoert.
Mit dem Gott der Christen kann ich nichts anfangen. Er ist schwach. Er hat sich nicht eingemischt als die Roemer seinen Sohn an ein Kreuz genagelt haben.

Ich sollte in den Reliquienhandel einsteigen. Ich habe mir ueberlegt die Vorhaut ihres Herren, den sie Jesus nennen zu verkaufen. Ich waere ein gemachter Mann. Es gibt eine Teigspeise aus Mehl und Eiern gefuellt mit gehacktem Fleisch. Entsprechend geformt und zubereitet sieht es dem aehnlich. Aber so dumm sind selbst die Christen nicht.

Ich verurteile die Ueberfaelle der Wikinger auf die Franken. Mein Vater war auch noch so. Er war aber schlau genug mit den Franken nachher Handel zu treiben.

Nach Jahren des gemeinsamen Lebens hat nun mein Weib beschlossen sich von mir zu trennen und ihren Weg alleine weiter zu gehen.

Odin hat in seiner Weisheit beschlossen mich noch nicht in seine Hallen aufzunehmen. Manchmal wuenschte ich er haette anders entschieden. Aber so sei es! Ich vermute er sieht mehr von der Zukunft, als ich durch den grauen Schleier erkennen kann.

Nun denn lasse ich mich in der Stroemung des Lebens gleiten zu neuen Ufern auf der Suche nach neuen Schaetzen die es zu entdecken gilt.

Ich ging zurueck zum grozsen Fluss. Begann wieder mit dem Handel. So fuehrte mich mich meine Reise nach Sosat. Ich verkaufte der Kirche ein paar unbedeutender Knochen, die ich irgendwo am Wegesrand fand. Ich dachte mir eine Geschichte aus wickelte die Knochen in beschriebenes Pergament und bekam viel Silber. Auch 2 Krüge meines Weins verkaufte ich an die Kirche. Ich war reich. Ich wollte weiter in die Stadt meines Vaters, aber das Wetter war schon so schlecht. So blieb ich. Ich blieb bis es die Sonne wieder kam und die Blumen bluehten. Ich blieb auch wegen der Gotlaenderin, die es hier her verschlagen hatte und die mein Herz ruehrte. Ich blieb, bis ich weg musste und ich ging weg. Nein, ich fuhr mit einem Karren. Darauf den Rest des Weines, den ich in Haihtabu verkaufen wollte und Eisen, den ich in Sosat gekauft hatte.

Gutes Eisen und ich wollte einen guten Preis erzielen. Und das tat ich. Das Eisen wurde fast mit Silber aufgewogen. Der Wein aber mit Gold. Den verkaufte ich an den Bischof der Kirche und dazu Knochen. Ich verstehe es nicht wieso die Christen alle Knochen haben wollen. Knochen machen nicht satt. Nur das Fleisch auf den Knochen machte mich satt. Die Christen beten meine Essesreste an. Und ich das Silber, das sie mir dafuer geben.

Haithabu wird immer groeszer. Haithabu wird immer stinkender. Es ist kaum auszuhalten. Es stinkt zum Himmel. Jeder schmeiszt den Muell in den Bach. Und der fuehrt kaum Wasser. Der eine scheiszt in den Bach, der andere waescht sich.Die Menschen werden nicht alt. Ich musste weg. Ich wollte noch weiter. Ich habe von einer weiteren Stadt der Daenen gehoert. Ich habe von Ribe gehoert. Und ich wollte dort hin. Ich brauchte 20 Tage.

Auszerhalb von Ribe liegt ein groszes Gehoef. Dort riecht es nach Tang und nach dem Meer. Dort kratzt der Wind wie ein Kuss an den Wangen der schoenen Maedchen. Dort gab es Silber. Dort gab es Felle, die die Franken wollen. Meine letzten 2 Kruege des guten Weins verkaufte ich hier. Ich erhielt die schoenen Felle dafür. Die Maedchen aber wollten sie behalten. Also fuhr ich zurueck.

Erst mit dem Karren, dann mit einem Schiff erreichte ich wieder meinen Fluss. Ich kam unbeschadet an. Ich war viele Jahre unterwegs. Cube war gewachsen. Nun bin ich reich. Reich an Erfahrung. Ein wenig des Silbers ist noch in meinem Besitz. Nicht mehr viel. Aber das Leben hier ist guenstig. Wann immer ich kann und wann immer das Wetter mitspielt zieht es mich weg. Bestimmt auch noch einmal nach Haithabu.